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A U S S T E L L U N G  M U M P R E C H T  «weiss schwarz rot»

13. Februar - 20. April 2008 Kunstmuseum Bern
Eröffnungsrede von Dr. Matthias Frehner, Direktor Kunstmuseum Bern

Der Rang, die Bedeutung, einer Künstlerpersönlichkeit misst sich im Bereich der bildenden Kunst weniger an ihrem technisch-handwerklichen Können, als vielmehr an der Einzigartigkeit ihrer Werke. Es geht beim Malen, will jemand in die Kunstgeschichte Eingang finden, weniger darum, das Publikum mit Pinselvirtuositäten zu gewinnen oder mit täuschenden Wirklichkeitswiederholungen zu verblüffen – all das ist bloss lernbare Technik und Interpretation des bereits Bestehenden. Vielmehr sieht ein Vollblutkünstler dagegen die Welt neu.

Rudolf Mumprecht ist ein Vollblutkünstler. Zu Recht nennt man ihn so, wie man in Italien nur die Grössten tituliert – Maestro. Nur wer in der Kunst das Bisherige formal und inhaltlich zu erweitern vermag, ist ein Maestro, man kann auch sagen, ein Genie. Wer das Bekannte virtuos interpretiert, steht seinen Zeitgenossen meist näher: seine Werke kommen in Mode, haben Kultstatus, ihr Schöpfer wird als Star gehandelt und verehrt. Dem Maestro dagegen wird erst einmal misstraut. Er hält sich nicht an die Regeln, missachtet Erwartungen, die an ihn gestellt werden. Genies sind nie pflegeleicht: Wer als Künstler in seiner Sturm und-Drang-Phase rebellierte, ist im Alter meist noch immer ein Enfant terrible. Es juckt ihn noch immer, aus dem Bekannten auszuscheren, Neuland zu finden, permanent aufzubrechen ins noch Unbekannte... Sicher: Rudolf Mumprecht ist einer von diesen Künstlern. Aber er besitzt weitere Eigenschaften: Er ist ungemein kultiviert, gebildet, ein Gentleman, ein Revolutionär, der nicht auf Bruch und Neuanfang programmiert ist, sondern auf kontinuierliche Veränderung. Und es gehört zu seinem Wesen, dass er niemanden überzeugen will – eben: alte Schule, ein Klassiker. Man könnte auch sagen, er sei elitär. Seine Kunst will entdeckt sein, er macht es einem nie leicht, es setzt Kennerschaft voraus, um seine Subtilität zu verstehen.

Klassik: Das heisst bei diesem Künstler, dass er sich ständig in einer äusserst schwierigen Balance hält. Er hält sich aufrecht, immer leichten Schritts – auch heute noch mit 90 Jahren – tänzerisch beschwingt zwischen Tradition und Revolution. Wie schafft er das? Haben Sie seine Bilder in Erinnerung? Haben Sie die Hommage, die wir ihm im Kunstmuseum zum Geburtstag eingerichtet haben gesehen? Was gibt es auf den schwarzen Schriftbildern paradoxerweise nicht – obgleich Schwarz doch eine ausgesprochen schwierige Farbe ist? Die Antwort lautet: Schwerkraft. Keine Gravitation, die nach unten zieht, die oben und unten trennt, die prekäre Gleichgewichte zum Einsturz bringt. Bei Mumprecht ist alles federleicht. Die Bildelemente sind wie Wolken. Sie schweben, wohin auch immer sie der Künstler in seinen Bildern setzt. Diese ebenso natürliche und selbstverständliche wie auch unbegreiflich irrationale Leichtigkeit ist seine ureigene Erfindung. Diese Gewichtlosigkeit gibt es so nur bei ihm. Natürlich kennt die Malerei andere Schwerkraftüberwinder: Die barocken Deckenmaler, allen voran Tiepolo, dessen Figuren durch ihre Heiligkeit emporgehoben werden. Und dann im 20. Jahrhundert Chagal und Miró, die bravourösen Schwebespezialisten. In diese Linie gehört Mumprecht – er hat sie fortgesetzt und erweitert, so dass ihn einzig das Prinzip, nie aber eine formale Analogie mit seinen Vorläufern verbindet.

Seine Bildgegenstände sind Neuland. Zwar haben die Kubisten bereits 1912 Buchstaben aus Zeitungen ausgeschnitten und als Wirklichkeitszitate in ihre Collagen integriert, und René Magritte hat unter eine gemalte Pfeife den irritierenden Satz geschrieben: „Ceci n’est pas une pipe“. Bei Mumprecht ist das Wort dagegen mehr als bloss Fragment und Kommentar. Er hat das geschriebene Wort zum alleinigen Bildgegenstand erhoben. Mumprecht malt Worte; Worte, die, so wie er sie auf die Leinwand setzt, zu Bildern werden. Für ihn sind Schriftzeichen Gegenstände. Er malt ein spezifisches Wort, zum Beispiel „jardin“ so wie ein traditioneller Gegenständlicher ein Haus oder einen Apfel wiedergeben würde. Der Maler, der Äpfel malt, weiss, dass nicht alle Äpfel gleich aussehen. Ja, wir wissen von Cézanne und Monet, dass dasselbe Objekt, bei jeder Betrachtung immer wieder als etwas ganz anderes vor uns steht. Genauso verhält es sich, nimmt man das Wort als Gegenstand einer Malereirecherche.

Mumprecht hat das in unserer Hommage-Ausstellung «weiss schwarz rot» beispielhaft auf einem weissen Bild vordemonstriert, auf dem er in einem Lauftext nichts anderes als das Wort „femme“ aneinandergereiht hat, insgesamt 47mal. Auf dem grossformatigen Bild erscheint das Wort „femme“ immer wieder ganz anders: gross, klein, energisch hingehauen, zart gehaucht, bald in Druckbuchstaben, bald in markanter Handschrift. Aber es wäre zu kurz gegriffen, bei der Feststellung stehen zu bleiben, dass wir hier bloss verschiedene Schriften vor uns hätten, die der Künstler zu einer sozusagen ornamental-abstrakten Komposition vereinigt habe. Man kann das Wort „femme“ – von Mumprechts tachistischem Werk der fünfziger Jahre aus betrachtet – als ein expressives Strukturfeld lesen, das im Unterschied zur gekritzelten Pseudoschrift eines Cy Twombly traditionell lesbar ist. Aber es ist eben darüber hinaus noch viel mehr und insofern einzigartig, unvergleichbar.

Wir kennen alle das berühmte Diktum von Gertrude Stein aus dem Jahr 1913: „a rose is a rose is a rose“. Was sich wie eine Definition anhört, setzt unsere vertrauten Denkschemen, vor allem die Logik, radikal ausser Kraft. Die Überdrehung des Binokulars macht die Wirklichkeit befremdlich, unheimlich. Nun ist Mumprecht weder ein Franz Kafka noch ein Giorgio de Chirico. Aber er ist doch auch einer, der wie diese die Welt aus einer eigenen Perspektive wahrnimmt. Wenn er femme femme femme femme – femme femme femme und immer weiter femme femme femme femme aufs Bild schreibt, dann passiert da etwas, was mit Steins Rose vergleichbar ist. Das Wort als Gegenstand verschwindet nicht, es löst sich nicht auf, wird nicht zum inhaltslosen Zeichen, sondern es findet eine Steigerung, eine Intensivierung, eine Verdichtung statt. Femme, femme, femme – auf dieser Leinwand passiert etwas, das sich mit weit entfernt liegenden Eindrücken verbindet, mit Fellinis Film „La città delle donne“, ja: Erotik pur.

Vor allem die beiden Doppel-M: Woraus besteht ein M? Aus zwei Spitzen, die man, Mumprecht hat’s vorexerziert, als unendlich vielfältiges und erotisch aufgeladenes Bogenpaar gestalten kann.

Bei Mumprecht ist es so, dass jedes Wort nicht bloss einen Begriff bezeichnet, sondern darüber hinaus immer auch einen Einzelfall herausgreift. Ein Dichter muss eine Beschreibung liefern, will er eine bestimmte Frau charakterisieren. Mumprecht hingegen malt das allgemeine Zeichen so, dass es über den Begriff hinaus immer auch das Einzigartige vor Augen führt.

Seine Schriftbilder sind ein Beitrag zur Wahrnehmungsfrage, dem grossen Thema der Kunst im 20. Jahrhundert. Dass man diesen Aspekt vielleicht noch zu wenig wahrgenommen hat, liegt, könnte ich mir denken, daran, dass er kein radikaler Theoretiker ist wie ein Rémy Zaugg. Mumprecht ist im Unterschied zu Zaugg ein positiv gestimmter Künstler, ein durch und durch barocker Sinnenmensch, den die Lebensfreude, die Lebensvielfalt, die Erneuerungskraft der Natur zu immer neuen poetischen Kunstwerken antreibt.

Man glaubt mir viel, aber wenn ich mit jungen Leuten durch die gegenwärtige Mumprecht-Ausstellung im Kunstmuseum gehe und sage, wir feiern damit den 90. Geburtstag des Malers, wird mir regelmässig entgegnet: „Unmöglich!“. Seine Kunst ist ungemein lebendig, gegenwärtig, frisch und spontan. Sie wird mit zunehmenden Alter jünger ... Ich wünsche dem Maestro noch viele frohe Schaffensjahre.

© Matthias Frehner, 12.Februar 2008