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Ansprache anlässlich der Vernissage der Ausstellung

         P a r o l e s   –  R i t m o  –  K l a n g

im Museum Gutenberg Fribourg

Liebe Esther, lieber Mumprecht
Meine Damen und Herren
Ich sage nicht, wie Marcel Duchamp und dann in seinem Fahrwasser die zeitgenössische Kritik, dass es der Ort ist, der die Kunst macht. Ich will jedoch sagen, dass es für einen Künstler, der ins Zentrum seiner Arbeit die Schrift stellt, es eine Art Herausforderung, wenn nicht eine Provokation ist, in einem Museum auszustellen, das den Namen Gutenberg trägt und das als Thema die grafische Industrie und die Kommunikation hat. Tatsächlich, ist es nicht dieselbe visuelle und kognitive Erfahrung, etwas aufzufassen, gedruckte Worte – oder Bilder – zu lesen, mechanisch und industriell vervielfältigt, als sie von Hand mit Bleistift, Feder oder Pinsel gemalt zu sehen. Die Beziehung zur Schrift ist also von einer anderen Ordnung und unsere Wahrnehmung und unser Verständnis derjenigen sind tiefgehend verändert. Übrigens hat Mumprecht nicht aufgehört jede Zwiespältigkeit hochzuhalten, indem er seine Position präzisiert: «Ich schreibe keine Buchstaben – will heissen Wörter – ich zeichne Sprache.» Zeichnen ist hier der Kernbegriff; er hat verstanden, Rembrandt folgend, dass die Zeichnung an Bild und Schrift hängt: « Am Anfang war die Zeichnung». Er stellt die gespiegelte Beziehung zwischen Schrift und Zeichnung her: «Schreiben ist zeichnen, zeichnen ist schreiben». Es ist dieselbe Handlung, dieselbe Geste, dieselbe Linie der Hand im Raum, in gleicher Weise Wort oder Bild beschreibend. Die Zeichnung ist das, was den Worten einen Körper gibt und umgekehrt, das was dem Körper Sinn gibt: durch ihn, bekommt das Wort Fleisch. Es gibt bei Mumprecht, in seinem Zeichnungskonzept und demnach in seiner Sprache, den Bezug bedeutsam/bedeutend, sichtbar/lesbar, eine Art Homologie mit dem christlichen Mysterium der Fleischwerdung, die er in diesem erstaunlichen Aphorimus zusammenfasst: «Die Hand spricht». Auf eine gewisse Art schmelzt Mumprecht – visuell aber auch konzeptionell – die Beziehung von Wort und Bild ein und versucht ihren gemeinsamen Ort wieder herzustellen, die Trennung zwischen Körper und Geist und zwischen Form und Sinn umzustürzen. «Eine Malerei in Worten schreiben», «Wortgedichte malen», das waren schon immer seine Ziele. Mumprecht ist also weder Typograph, noch Kalligraph, noch Grafiker, nicht einmal Schriftsteller; er ist ganz einfach Maler.

Die Ausstellung, die ich zur selben Zeit wie Sie entdecke, ist keine Retrospektive, die das Vorhaben des Künstlers von den Fünfzigerjahren bis heute vor Augen führt. Und wenn sie einige bekannte und stellvertretende Gemälde, die man als «Schrift-Malerei» bezeichnet hat, präsentiert, offenbart sie auch einige weniger oft ausgestellte, experimentellere oder randständigere, auch persönlichere oder intimere Werke, die es erlauben, die Gesamtheit von Mumprechts Vorhaben als Prozess, Energie, Fluss aufzuzeigen, wobei die Malereien nur Übergangszustände sind, Kristallisationsmomente oder Klärung. Ich spiele hier im Speziellen auf die «Lettres sans adresse» und auf die Skulpturen an. Die «Lettres sans adresse» erscheinen zum ersten Mal 1981; sind es von Mumprecht in seine Malerei übertragene oder zusammengestellte Briefe, wie der berühmte Brief von Cézanne an Pissaro oder jener den er an Leonardo da Vinci gerichtet hat? Ist es das senkrechte Format des Trägers, das an Briefpapier denken lässt? Sie könnten ebenso den Übergang des inneren Monologes zum Dialog bedeuten, die Entstehung eines ausgestossenen Wortes in der ersten Person zu einem Wort, das einen fiktiven Empfänger mit einbezieht, eine Parole, die sich sozialisiert, Kommunikation und Austausch wird. Wenn der Brief die Schrift konnotiert, bleibt er jedoch ohne Adresse; er ist weder Gedicht, noch Roman , noch Drama; er bildet keine Erzählung aber eine Art Repertoire an Bedeutungen, weder mit einem Anfang noch einem Ende. Diese Briefe sind übrigens selten signiert und datiert sie «öffnen die Vergangenheit für die Zukunft».

Was die Skulpturen angeht – Objekte von kleiner Grösse oder fotografische Spuren – sie entstehen mehrheitlich nach einer Skizze, nach einem Projekt, aber durch ihr Einschreiben in den Raum und in die reale Welt, verleihen sie der Schrift eine neue Dimension, noch materieller und konkreter.
Ich kenne und begleite das Werk Mumprechts seit beinahe vierzig Jahren, als Kritiker und Kunsthistoriker und als Museumskonservator. Heute bin ich ein gewöhnliches Individuum geworden, ein Spaziergänger oder ein anonymer Amateur; und eher als eine «befugte» und hochgelehrte Rede auszustossen, habe ich mich entschieden, direkt und einfach zu formulieren, was das Werk Mumprechts mir sagt.
Zuerst erscheint es mir mehr denn je aktuell; ich bin beeindruckt durch die Tatsache, dass es perfekt unserer Erfahrung und unserer visuellen, zeitgenössischen Kultur enspricht, charakterisiert durch die Allgegenwart und Überfülle der Zeichen, ihre Allgegenwart, ihre Porosität, ihre Austauschbarkeit sogar, unaufhörlich und oft höchst widerwillig lesen wir Bilder und schauen wir Worte an. Einem sensiblen Körper, Substanz, Klang, Farbe, Rhythmus, Raum, Licht der Worte gebend, Mumprecht hat versucht und es erreicht, den alten westlichen Antagonismus zwischen Wort und Bild zu überwinden – der Text als «Gründer» stand lange an erster Stelle, während das Bild «Darstellung» war. Er hat beide versöhnt, durch die Zeichnung, den verbalen Ausdruck und den plastischen Ausdruck, ohne eine Vorherrschaft des einen über das andere herzustellen. Für Mumprecht, ist die Schrift das, was zusammenhält, verbindet , die konzeptionelle Dimension solidarisiert, semantisch, das bedeutet der Sinn der Worte und ihre konkrete Dimension, perzeptorisch, sensibel, ihre Erscheinung.
Das Werk Mumprechts, während seines ganzen Werdegangs, ist auch «wellenförmig und vielfältig» um den Ausdruck Montaignes aufzunehmen; zuerst figurativ und dann abstrakt, ist es weder figurativ noch abstrakt, wenn es einmal diese Dichotomie überwunden hat. Durch seinen kontinuierlichen Fluss, sein Gehen und Zurückkehren, hat es weder Anfang noch Ende, wie der Ablauf der Zeit.
Es ist auch von einem Formenreichtum und verblüffender Themenvielfalt geprägt: Bald ist die Schrift explosiv oder scheint improvisiert, bald nähert sie sich der Typographie oder wird ordentlich wie Notenlinien, bald löst sich das Wort vom Hintergrund wie ein Faustschlag, springt aus dem Dunkeln hervor wie eine Lichtquelle, oder schreibt sich ein wie eine Spur oder ein Schatten im jungfräulichen Raum des Papiers oder der Leinwand; manchmal verliert es sich in der Kontinuität der Rede oder in der Überfülle der Zeichen, manchmal funkelt und klingt es wie im Spiel der Worte oder des Gedichts. Anderweitig spielt Mumprecht auch mit der Ökonomie der Farbe – Schwarz, Rot, Weiss auf Weiss – wie die Überfülle des Spektrums. Technisch und ästhetisch, benutzt er in voller Unabhängigkeit und ohne Cliquengeist alle Errungenschaften der künstlerischen und malerischen Moderne: Die Collage, das Ready Made, das Dripping, das Gestische, den Zufall. Was die erwähnten ikonografischen Themen angeht, sie sind vielfach, geben einander Antworten oder vermischen sich: Der Körper, meist der weibliche, die Liebe, die Natur, aber auch die Stadt, die Geschichte, die Zahlen, die Zeit, die Reise, das Licht, die Musik.... «L’oeil écoute», «Licht, Zeit, Raum, Libertà».

Das Werk von Mumprecht ist grundsätzlich dialektisch; es nährt sich aus Gegenteilen und sogar aus Widersprüchen um diese zu überwinden oder ihnen zuwider zu handeln. Wir haben von dem Paar Text/Bild, Idee/Wahrnehmung gesprochen aber es gibt noch viele andere: du/ich, überwunden durch das wir; Leben/Tod, Ja/Nein, Krieg/Frieden etc. Das Grundlegendste dieser Widersprüche ist natürlich «ich» und «die Welt», die Unbeugsamkeit meiner Erfahrung der Welt und die Objektivität der Sprache, um sie zu sprechen und zu übermitteln.
Um die Welt zu lesen und zu beschreiben braucht es tatsächlich Worte. Aber welche Worte? Alle Wörter, antwortet Mumprecht; von den nobelsten bis zu den abgenutztesten, seine eigenen und jene der anderen, die historischen Wörter und sogar Parolen, die intimen, geflüsterten Worte und die geschrienen, die Wortspiele, die deutschen aber auch die französischen, italienischen, englischen Worte, die starken Wörter und jene, die zart sind, klar oder geheimnisvoll. Alle Wörter sind es wert verwendet zu werden, falls sie gezeichnet, verkörpert, konkretisiert sind, das bedeutet gleichzeitig gelesen, gesehen oder sogar gehört werden.
Last but not least, das Werk von Mumprecht ist nicht nur polyglott sondern auch polysemantisch; es ist ein «offenes» Werk. Es ist dieser abenteuerliche und unsichere Versuch, die Welt zu verstehen und zu zähmen in ihrer ganzen Stärke und Komplexität, und nicht der Wille, sie zu ordnen oder sie eindeutig zu machen. Weder analytisch, noch demonstrativ, nicht einmal ideologisch, es ist poetisch; wie ein unerschöpfliches Gewässer in dem jeder sein Spiegelbild suchen und finden und seinen Durst stillen kann.

Danke an euch mir zugehört zu haben und Danke an dich, Mump.

Edmond Charrière
Ehemaliger Konservator des Kunstmuseums La Chaux-de-Fonds
Präsident der Association Maison Blanche (Villa Jeanneret-Perret) La Chaux-de-Fonds

Übersetzung vom Französichem ins Deutsche von Helen Lagger, Kunsthistorikerin