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H O M M A G E   a n  R U D O L F  M U M P R E C H T

                                                                 Museum Elisarion Minusio

 

Nach den Worten des Kulturbeauftragten von Minusio möchte ich einige persönliche Gedanken zu Rudolf Mumprecht anbringen, dem die Ausstellung im Elisarion gewidmet und der heute hier anwesend ist. Als wichtige und wertvolle Erfahrungen sind mir noch jene Momente gegenwärtig, als ich in diesen Räumen eine Ausstellung von Varlin und einen Abend zu Alberto Giacometti präsentieren durfte.

Rudolf Mumprecht ist eine bedeutende Präsenz in der Szene der Gegenwartskunst. Nachfolgend kurz einige Eckpfeiler seiner biographischen Daten, die den Horizont seiner Persönlichkeit abstecken: Er wurde 1918 in Basel geboren und wuchs in Bern auf. Er unternahm verschiedene Reisen und lebte längere Zeit in Frankreich (Atelier in Paris von 1949 bis 1954 und in Versailles-Paris von 1960 bis 1964). Heute lebt er in Köniz bei Bern und in Brione im Kanton Tessin.

Um die Originalität seines künstlerischen Ausdrucks und seiner Malerei in ihrer Radikalität und in der Geste des Wortes zu begreifen, muss man sich des epochalen Wandels bewusst sein, in dem wir uns befinden. Seine Bilder vermitteln das Gefühl, die Geschichte löse sich auf. Mit dem Verlust der Erinnerungen, der Namen, der Gesichter und der bekannten Formen scheint alles wie auf einer leeren, der Symbole beraubten Fläche abzulaufen und sich zu verzehren. Die Malerei von Rudolf Mumprecht entzieht sich der horizontalen Strömung und sucht und findet ihren eigenen Platz im unumstösslichen Akt des künstlerischen Ausdrucks.

1992 hatte ich die Gelegenheit, für die Casa Rusca in Locarno einen Essay über Rudolf Mumprecht zu schreiben. Pierre Casè, der damalige Direktor des Museums, wollte dem Künstler eine Ausstellung widmen und schlug mir vor, nach Bern zu fahren und Mumprecht persönlich zu treffen.

Ein Atelierbesuch ist bekanntlich äusserst aufschlussreich, wenn es darum geht, über einen Maler zu schreiben: der Ort, die Szene, die Bilder, der Maler selbst, seine Worte (bisweilen sein Schweigen). Die Begegnung mit Rudolf Mumprecht war die Begegnung mit einem strengen, doch menschlichen Maestro von einer grossen Konzentration, Intensität und Teilnahme.

Die Stadt Bern (wohin Mumprecht mich begleitete) vermittelte mir das Gefühl eines typischen schweizerischen Geistes: der regelmässige Rhythmus der Gebäude, der Strassen, der Arkaden; die stahlgraue Stimmung; der Zeitglockenturm, auf dem bei jedem Stundenschlag ein goldener Reiter eine ewig gleiche Zeit skandiert.

In seinen Tagebüchern beschreibt Klee die helvetische Hauptstadt mit ihrem monotonen Rhythmus und dem grauen, gleichförmigen Alltag.

Friedrich Dürrenmatt berichtet in seinem berührenden Buch Mondfinsternis über seinen Geburtsort, ein Dorf in der Nähe von Bern. Jenes Dorf, schreibt Dürrenmatt, ist irgendein Punkt im Universum, nichts weiter, es ist zufällig, hat keine besonderen Merkmale: es ist also Teil des Pulsschlags der Welt. Auf dem Bahnhof des Dorfes fahren die Züge nach dem nahen Bern und dem fernen Luzern vorbei. Jene vorbeifahrenden Züge bedeuteten das Leben, das sich in unbekannter Ferne verlor.

In diesen Beschreibungen können wir den Ursprung von Mumprechts Malerei erahnen: zwischen einer blitzblanken, rationalen Erscheinung und einem Gefühl der Verirrung, des Verlusts, einer Zeit, die nicht fortschreitet.

Die Schweiz des 20. Jahrhunderts hat massgebende, freie Stimmen hervorgebracht. Die italienische Kultur ist im Allgemeinen geschichtsbewusster, klassischer, formaler, situationsbezogener. Die Schweizer Grenze ist der Übergang zu einem spannenden, bewegenden Anderswo, angesiedelt zwischen dem Abseits von der Geschichte und einem Archetypen, einer äussersten Limite der Existenz: das Alphabet des Bergells bei Giacometti; das Missverständnis von Bondo bei Varlin; jene Art Nicht-Ort und Nicht-Zeit von Bern, von denen die endlose Schrift Mumprechts ihren Ausgang nimmt.

In meinem Text habe ich in Bezug auf Mumprechts Werdegang einen Begriff verwendet, in dem viele (auch literarische) Nebentöne mitschwingen: Wind des Wahnsinns. Ich erinnere mich, wie Mumprecht diese Formulierung mehrmals wiederholte, als er sie in seinen Aufzeichnungen las. Ein Wind des Wahnsinns, der aus dem Leeren kommt, aus dem Fremdsein, aus der Wüste der Erinnerung, und der hin zur Bewegung führt, zu einer Spannung, einem Lebenszeichen.

Im Schaffen des Künstlers sind beinahe periodische Zyklen zu erkennen. Der erste ist weitgehend figurativ und umfasst die Zeichnungen. Man spürt darin das Unentzifferbare, die Marginalität. Unvergesslich zum Beispiel das Thema der Alten (sitzende Alte, im Mantel, mit Baskenmütze, mit Stock, liegende Alte). Einsame Alte in der Schlaflosigkeit der Welt: Sie sehen über den Nebel hinaus, sie hören schwache Stimmen, sie wiederholen Gesten ohne Geschichte.

Ein zweiter Zyklus stammt aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, mit Bildern Ohne Titel. Es sind Bilder, die den Betrachter noch heute faszinieren. Sie bewegen sich ausserhalb jeder Konzeption des Informellen als Regression in die Materie. Sie sind schon jener szenischen, urtümlichen Instanz zugewendet, die in der unmittelbar nachfolgenden Periode zum Wort, zu Mumprechts unverwechselbarem Stil führen wird.

Die Wort-Malerei ist als Ereignis zu verstehen: Zeit und Raum, Wort und Malerei, Geste und Bedeutung. Hier ist die Schrift nicht das trügerische Spiel der Bedeutungslosigkeit, der Anti-Kunst, des Zitats, des Repertoires, eines rein linguistischen Ausdrucks. Die Schrift wird als ikonische Fülle des Bildes verstanden: eine echte Präsenz, ein Durchgang zur Bedeutung, eine verlorene mythische Einheit.

In der Philosophie existiert das Bewusstsein, dass die Menschen trotz ihrer Unfähigkeit zur Kommunikation Teil eines Satzes im unendlichen Satz der Welt sind. Der italienische Psychiater Eugenio Borgna schreibt über das Schweigen als Vergessen, Einsamkeit, Melancholie und beinahe eine Sehnsucht ohne Ziel. Im Schweigen, so Borgna, werden die Wörter wie „lebende Geschöpfe“ wiedergeboren.

Im Lebensraum der künstlerischen Geste wiederholt Mumprecht die in der Ursprache des Menschen verankerten grossen Wörter. Die Welt kann fortbestehen unter der Bedingung, dass man über sie spricht, von ihr erzählt, sie der namenlosen Gestaltlosigkeit entreisst.

Seine Wörter stammen aus dem Magma der Sprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch): Erde, Himmel, nuit, jour, lumière, vie, domani, all’improvviso, silence …

Die Strenge und Unumstösslichkeit von Weiss und Schwarz ist bezeichnend. Mit einem expressionistischen Tupfer Rot werden Weiss und Schwarz zur kraftvollen Darstellung von Leben und Tod, von Tag und Nacht, von Anfang und Ende.

Ein Beispiel dafür ist das hier ausgestellte berührende Bild amour. In einem Himmel (ohne Symbol, ohne Metapher, ohne Illusion) ist amour der geheimnisvolle Akt des Lebens, der Akt all dessen, was geliebt wurde und sich nie ereignet hat.

In der Ausstellung im Elisarion kommt durch den Beitrag von Marianne Keller Tschirren auch das Thema der Musik zur Sprache. Einige Bilder von Mumprecht haben den spezifischen Titel Concerto. Es sind Noten, Zeichen, musikalische Partituren. In der Musik befreit sich die Malerei aus der Immobilität und macht sich auf zu einem freieren Abenteuer: Rhythmen, Unberechenbarkeit, Dissonanzen.

Es gibt bei Marcel Proust einen wunderbaren Text mit dem Titel Eloge de la mauvaise musique. Ein Paradox, das eine Wahrheit oder die Kehrseite einer Wahrheit enthüllen kann. Proust schreibt, man solle die schlechte Musik nicht verachten, denn „sie hat sich allmählich mit dem Traum und den Tränen der Menschen aufgefüllt“. Innerhalb der immer gleichen Tage, der immer gleichen Stunden überrascht uns ein Bild von Mumprecht im Moment, in der Evokation, im musikalischen Echo dessen, was nicht verschwindet.

Zum Abschluss möchte ich an drei Namen in der Schweizer Kunst erinnern, drei Künstler, die entscheidende Momente des 20. Jahrhunderts verkörpern. Alberto Giacometti will in der Vielschichtigkeit des Jahrhunderts zur Essenz von Form und Gestalt, zum Gesicht, ja sogar zur unnennbaren Grenze des „Blicks“ vorstossen (in den Porträts von Annette, Caroline und Nelda). Varlin drückt den Akt des Körpers in jenem extremen Punkt aus, so Vittorio Sgarbi, wo „der Gedanke sich aufhebt“, wo das Leben sich öde und trostlos und doch so unwiderruflich menschlich vollzieht.

Mumprecht gelangt in der Malerei zur Schrift: Anfang, Ende, „universelle Silbe“. In einer Erklärung sagt er:

«Remarquez! Je suis persuadé qu’il n’y a pas d’art sans philosophie». Die Malerei als Erbe des Gedankens und der Existenz in der Vergeblichkeit des Nichts.

Eine Würdigung voller Bewunderung und Zuneigung an  Mumprecht, der uns das Leben und und die Kunst näher gebracht hat.

(Übersetzung von Gabriela Zehnder) September 2010  Stefano Crespi