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A u s s t e l l u n g  «M u m p r e c h t.  W o r t l a b o r a t o r i u m»
19. März bis 25. April 2009 in der Schule für Gestaltung Bern

Eröffnungsvortrag an der Vernissage vom 19. März 2009
von Dr. Claudia Engler, Direktorin der Burgerbibliothek Bern


Lieber Meister Mumprecht, liebe Frau Mumprecht Roth,

sehr geehrte Damen und Herren

Sie werden sich alle fragen, warum ausgerechnet eine Bibliothekarin und Archivarin heute Abend vor ihnen steht und zur Eröffnung der Ausstellung spricht. Bibliothek und Archiv treten gemeinhin dort in Erscheinung, wo sich künstlerisches Schaffen entweder in Büchern sedimentiert und fixiert oder sich im Archiv sorgsam gepflegt auf die Zukunft vorbereitet, im Falle der Burgerbibliothek Bern mit ihren einmaligen Handschriftenschätzen ist das Ziel dieser Zukunft die Ewigkeit. In diesem Sinne steht tatsächlich die falsche Person vor ihnen, in diesem Raum ist nicht die Ewigkeit, das Abgeschlossene das Thema, sondern wie der Ausstellungstitel unmissverständlich erklärt: Wir befinden uns im Laboratorium, hier ist gewissermassen der Ort der Genesis. Tatsächlich zeigt sich in dieser Ausstellung erneut die beeindruckende, ungebrochene Mumprechtsche Schöpfungskraft, auch das vermeintlich Stille, sorgfältig Ausgewogene und Harmonische erweist sich beim näherem Hinsehen als vielschichtig, mehrdeutig, mehrstimmig und noch immer in Bewegung: Wer das Laboratorium betritt, kann sich dem Suchen, dem Fragen, dem Experimentieren nicht entziehen. Hier reagieren, vibrieren, kondensieren und explodieren Bewegung, Farben, Töne – die Lösung, die Erlösung, das für die Ewigkeit Abzuschliessende, bleibt stets offen.

Was das Wortlaboratorium und das Handschriftenarchiv allerdings von Anfang an unmittelbar verbindet, ist die Schrift. Schrift ist wesentlich Wiedergabe von gesprochener Sprache, gleichsam das Mündliche in anderer Gestalt. Ihr Bestreben ist, Flüchtiges festzuhalten, von der Anwesenheit eines Mitteilenden unabhängig zu machen, ihm Dauer zu verleihen. Anders ausgedrückt: Der lebendige Hauch wird verdinglicht und kann im aktiven Lesen wieder verlebendigt werden. Die Aktualität des Sprechens im hier und jetzt wird durch die Niederschrift in zeitoffene Potentialität umgewandelt. Mit der Schrift entstand so vor mehreren Tausend Jahren ein für die Kommunikation und das kulturelle Gedächtnis folgenreiches Medium. Ohne die so wesentliche Kulturtechnik Schrift und die mit ihr verbundenen Folgephänomene sähe unsere Welt anders, unvorstellbar aus. Schrift ist übrigens kein einmaliges Phänomen einer Kultur, sondern wie chinesische oder altamerikanische Notationen zeigen, ein allgemein-menschliches Phänomen, ein allgemein-menschliches kulturelles Produkt. Indem Rudolf Mumprecht die Schrift als zentrales Element in seinen Werken verwendet, schlägt er nicht nur eine Brücke zum Archiv, sondern verknüpft sich über viele Fäden mit der Vergangenheit im Bereich der Schriftkultur. Seine Werke bleiben nicht einer Gegenwärtigkeit verpflichtet, sondern erhalten eine zusätzliche historische Dimension. Daran scheint er bewusst auch anzuknüpfen, etwa wenn er in seinem Skizzenbuch eine Halbunziale verwendet, eine der schönsten spätantiken und frühmittelalterlichen Buchschriften, auch litterae Africanae genannt, da ihre Wurzeln wohl in Nordafrika zu suchen sind. Die Halbunziale ist Repräsentantin einer Umbruchszeit zwischen heidnischer Antike und christlichem Mittelalter, sie verbindet Kontinente, Zeiten und Kulturen. In Mumprechts Schriften eröffnen sich weitere weitreichende schriftgeschichtliche Verbindungen wie sich gerade in den Lettres sans adresse wunderbar beobachten lässt: Indem er das griechische Alphabet einsetzt, Collagen mit Zeitungstexten verwendet mit der klassischen Zeitungsschrift Times New Roman, Elemente von stenografischen oder asiatischen Schriften einbringt, er aktiviert damit immer ein Verweissystem. Je nachdem ob ein N, A ein B rund oder gebrochen, ob kursiv oder kalligrafisch, gedruckt oder handschriftlich, als Minuskel oder Majuskel geschrieben wird, ergeben sich andere Verweise, öffnen sich unterschiedliche Welten: Das Wortlaboratorium wird zur schriftkulturellen Entdeckungsreise.  

Schrift ist aber nicht nur zu Zeichen geronnene, auf Trägermaterial fixierte Sprache, die phonetisch einfach reproduziert werden kann. Das ist ein zu enger, ja ein geradezu entsinnlichter Schriftbegriff. Schrift ist auch Bildlichkeit und Gestik. Ein hübsches Beispiel zur kombiniert gedachten Entstehung von Schrift zeichnet ein Text des 18. Jahrhunderts: «Wie ein guter Schulmeister, der die Kreide zur Hand nimmt, um seine Lektionen zu verdeutlichen, untermalte der Höhlenmensch seine Reden mit erklärenden Figuren. Hatte er beispielsweise gesagt: Ein Rabe ist weggeflogen und hat sich auf einen Baum gesetzt, so ahmte er das Krächzen des Raben nach, drückte mit dem Schlagen der Arme das Fliegen aus, nahm dann ein Stück Holzkohle und zeichnete dann einen Baum mit einem Vogel drauf.» So naiv diese Vorstellung des 18. Jahrhunderts ist, benennt sie doch die wichtigsten Elemente der Schrift: die Lautnachahmung, die ideographische Dimension der Schrift sowie das Ungenügen rein bildlicher Darstellung für bestimmte konkrete Mitteilungen, die durch Gestik komplementiert werden muss. Schrift ist deshalb in einem sehr erweiterten, metaphorischen Sinne zu verstehen, sie grenzt sich nicht ab von anderen Mitteln der visuellen Notation wie Bildern, Symbolen und Codes. Dass Schriftzeichen und Bild in ihrem Zeichencharakter eng zusammen hängen, zeigt auch die Etymologie: das griechische graphein bedeutete ursprünglich ritzen, ebenso wie das lateinische scribere und das daraus entstandene deutsche Wort schreiben oder das englische write, das auf das Runen einritzen zurückgeht. Und das altägyptische Wort für Schreiben meint nichts anderes als Mit-dem-Pinsel-malen. Der Schreibakt ist also ein Zeichnen, ein Bilder-Erschaffen. Die fliessenden Übergänge zwischen bildlicher, symbolischer und phonetischer Notation zeigt sich auch in den ägyptischen Hieroglyphen, die das Rebus-Prinzip nutzten: Der Schreiber setzt ein bildhaftes Zeichen für ein ähnlich lautendes Wort: Hase – und meint «Hass». Das Rebus-Prinzip hat enormes notationstechnisches Potential, es ist die bildliche Umsetzung von Sprache in einer intersubjektiv auflösbaren Kodierung. Erst Jahrhunderte später kamen grammatikalische Elemente dazu und machen die weltreflexive Schrift wortreflexiv und damit kontextunabhängig.
Frühe Schriften wirken nicht nur in ihrem Erscheinungsbild stark bildhaft, sondern sie weisen in der Regel ausser bestimmten Laut- auch noch besondere Sinnkodierungen auf. Das einzelne Zeichen kann je nach Kontext verschiedene Funktionen ausfüllen: Logogramm oder Ideogramm, Laut- oder Bedeutungszeichen. Damit ist die schriftliche Botschaft nicht eindeutig fixiert, sie in bleibt immer der interpretatorischen Komplexität des Bildes verhaftet. Genau dort setzen die Schriftzeichen bei Rudolf Mumprecht auch an: Die vermeintliche Eindeutigkeit seiner Schriften trügt, denn sie ist Viel-, sogar Undeutigkeit. Wenn er die zeichenhafte Geste in eine rationale Ordnung, in diesem Falle das Buchstabenzeichen drängt, ja zwingt, und diese wie er selbst sagt, als Kartograf gezielt und präzis in der Bildlandschaft verortet, ja eingraviert, und die einzelnen Zeichen sich zu Wörtern und Sätzen verbinden, bietet er uns mit dieser vermeintlichen Ordnung und Rationalität eine falsche Dekodierungsmöglichkeit an. Unsere lesegeschulten oder eben leseverschulten Augen fallen darauf sofort herein mit der Konsequenz, dass sie nur die alleroberflächlichste Botschaft erfassen. Mumprechts Schriften aber sind ein Evokationsmedium, eine Herausforderung für alle Sinne, die unendliche Assoziationen, platte, einfache und anspruchsvolle, Bilder, Farben und Töne hervorrufen, sie sind Entstehung, Laboratorium, nicht Ergebnis. Erlauben Sie mir, noch einmal auf die Schriftgeschichte zurückgreifen, denn als Mediävistin, als Spezialistin für mittelalterliche Handschriften, ist mir die Mumprechtsche Seh-, Les- und Hörbarkeit seiner Zeichen und Worte von den frühmittelalterlichen Handschriften her nicht fremd. Eine mittelalterliche Handschrift kann nicht einfach gelesen werden, sie wird mit allen Sinnen erlebt, so wie die peinture d’écriture von Mumprecht mit Auge und Ohr, Gestus und Herz erfahren werden will. Hören Sie, wie das Lesen von Hugo, Abt des Klosters St. Viktor in Paris, beschrieben wird:«Wenn Hugo liest, erntet er; er pflückt die Beeren von den Zeilen. Er weiss, dass schon Plinius das Wort pagina, Blatt, von epalier hergeleitet hat. Für Hugo sind die Zeilen auf der Seite der Draht eines Spaliers, das die Weinreben stützt. Während er die Früchte von den Pergamentblättern pflückt, fallen die voces paginarum, die Stimmen der Seite, aus seinem Mund als gedämpftes Murmeln». Tatsächlich wird bis ins 12. Jahrhundert ein Text laut gelesen, auch wenn der Leser ganz für sich alleine liest. Das ist auch nötig, um die einzelnen Worte aus dem Text herauszulösen, denn die Worte sind nicht durch Wortabstände oder Interpunktionszeichen getrennt. Oft bewegt sich der Leser beim Lesen dazu im Rhythmus seiner Worte, das Wort wird neben der Vertonung noch in Bewegung umgesetzt. Indem die Texte immer und immer wieder gelesen, wiedergekäut, verschlungen werden, findet ein Verinnerlichen, ein Einverleiben statt, das dem Einnehmen von Nahrung gleichkommt: Die Zeichen und Worte sind Nahrung für Geist und Seele, man kann sie riechen und schmecken wie die Trauben im Weinberg. Die Trauben, das heisst die Buchstaben des Alphabeths, müssen mit den Augen geerntet, aufgeklaubt und zu Worten gebündelt werden, eben «gelesen» werden. Das «Zusammenlesen», das Ernten ist auch deshalb nötig, weil sich der Text nicht klar strukturiert Zeile für Zeile präsentiert, sondern als optisches Ganzes, als Landschaftsbild, als geografisches System zu verstehen ist: Die Schriften und Schriftspiegel wechseln, vielfältige abstrakte, florale oder tierische und menschliche Schmuck- und Dekorationselemente und Illustrationen verbinden und verweben sich mit der Schrift. Eine Initiale ist Buchstabe, Zeichen, Symbol, Dekor und Illustration in einem, Lesen wird zur multimedialen Übung, bei der die Sprache die Bilder imitiert und die Bilder sprachliche Analogien wecken. Es gibt keine festen Bezugspunkte mehr, alles vermengt sich mit allem, die Textseite gewinnt ein eigenes Leben. Das Auge wird gleichsam in die Buchseite hinein gezogen und der Betrachter zu anhaltender Prüfung gezwungen, die zu Staunen, Nachdenken und Ehrfurcht führt. Die Wechselbeziehungen zwischen Buchstaben, Farben und Schmuckelementen bauen ein Spannungsfeld auf, die Textseiten bleiben unter dem betrachtenden Blick nicht starr, es scheint, als ob sie ein eigenes Leben gewinnen. Nicht zufällig bezieht sich Mumprecht auch immer wieder auf Finnegan’s Wake von James Joyce, der ein Buch schreiben wollte, das ein Bild der Welt ist, indem er versucht, gleichzeitig alle Dimensionen, alle Bedeutungen wiederzugeben, die ein Wort in der Sprache annehmen oder hervorrufen kann. Modell für dieses synchrone Lesen steht Joyce die mittelalterliche Handschrift. Mumprecht ist wie mittelalterliche Handschriften zu lesen: Die Grundfarben der mittelalterlichen Handschrift – weiss das Pergament, schwarz die Tinte, rot die Rubrikation – sind nicht von ungefähr die Grundfarben, die auch Mumprechts Schaffen begleiten. Mumprecht steht also in einer langen Schrifttradition, in einer mehrtausendjährigen Schriftkultur, die weiss, dass sich die Welt in Buchstaben, in Schrift nachzeichnen lässt: Schreiben ist Schöpfung, Schöpfung ist schreiben. Am Anfang steht das Wort, am Anfang steht das Wortlaboratorium.

Lieber Meister Mumprecht, sehr geehrte Damen und Herren, dass heute eine Bibliothekarin und Archivarin vor Ihnen steht, ist also doch nicht so abwegig. Über die Schrift hinaus verbinden das Wortlaboratorium und das Archiv eine weitere gemeinsame Aufgabe und ein gemeinsames Ziel: «Ouvrir le passé à l’avenir» wie Mumprecht einmal ein Werk betitelt hat. Die Burgerbibliothek ist stolz darauf, die Zukunft auch für Mumprecht zu erschliessen, verwahrt sie doch einen reichen Schatz an Mumprechtschen Werken, seine über fünfzig Skizzenbücher, seine 1200 Lettres sans adresse, die er 1998 aus Anlass der Verleihung des Kulturpreises der Burgergemeinde anvertraut hat. Diese Bibliothèque insolite ist längst nicht abgeschlossen, im Wortlaboratorium, hier, in diesem Moment wächst sie weiter. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen, Meister Mumprecht, weiter eine ungebrochene Schöpfungskraft.

19. März 2009/Claudia Engler ©