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M U M P R E C H T  Z E I T L O S

Vernissage 1. Juli 2010, Musikfestwoche Meiringen Güterschuppen atelier ke

Ansprache von Marianne Keller Tschirren, Musikerin und Kunsthistorikerin

Wenn man über einen Künstler wie Rudolf Mumprecht sprechen darf, der in seinen Bildern souverän englische, französische, italienische und deutsche Worte verwendet, stellt sich natürlich die Frage, welche Sprache denn nun für eine kurze Würdigung am angebrachtesten sei. Und obwohl meine Muttersprache Berndeutsch ist, habe ich mich entschieden, Hochdeutsch zu sprechen: ich denke, dass sich Mumprechts Kunst in der Standardsprache am besten erschliessen lässt.
Es ist eine besondere Ehre für mich, heute Abend diese Ausstellung zu eröffnen – und dies vor allem aus 2 Gründen: Einerseits ist es für mich als Kunsthistorikerin und Musikerin immer ein besonderer Moment, wenn Musik und Malerei sich verbinden. Wie gleiche Themen in den beiden Künsten so unterschiedlich zum Ausdruck kommen, fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Und andererseits schätze ich es sehr, zum vielseitigen Werk eines Künstlers zu sprechen, der seit vielen Jahren seinen eigenen Weg geht und sich dabei nie um die Entwicklungen und Trends im Kunstmarkt gekümmert hat.

„Augenblick verweile doch, du bist so schön...“

Dieses Motto steht über der diesjährigen Musikfestwoche Meiringen. Johann Wolfgang von Goethe lässt dies seinen Faust sagen, nachdem er mit  Mephisto eine Wette abgeschlossen hat: Faust will in seinem Leben zur höchsten Erkenntnis gelangen, er hat hohe Ziele, die er mit Hilfe Mephistos verwirklichen will. Mephisto ist unter der Bedingung einverstanden, dass er nach Fausts Tod dessen Seele bekommt.
Mit den Worten „Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen, so sei es gleich um mich getan“schlägt Faust Mephisto die Wette vor. (Faust I, V 1692-1693) Und nachdem dieser eingeschlagen hat, fährt Faust fort: „Werd ich zum Augenblicke sagen: verweile doch, du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehen! Dann mag die Totenglocke schallen, dann bist du deines Dienstes frei, die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen, es ist die Zeit für mich vorbei.“ (Faust I, V 1699-1705)

Am Anfang der Tragödie ist es nicht das Ziel von Faust, je an diesen Punkt zu gelangen und sich in einer Situation wieder zu finden, die ewig andauern würde. Erst am Ende seines Lebens wünscht er sich, einen solchen wunderbaren Augenblick doch einmal zu erleben – und stirbt anschliessend. Mephisto hat die Wette gewonnen. (Faust II, V 11581-11586)
Bei Goethe ist es ein negativer Pakt, den Faust hier eingeht. Im Streben nach mehr Macht, Wissen und Erkenntnis verkauft er seine Seele dem Teufel. Und die Folgen dieses Strebens sind letztlich die Kehrseiten des Fortschritts: wo Handel blüht, erwächst auch Ungerechtigkeit, wo Menschen in Städten und Siedlungen zusammenleben, kommt es vermehrt zu Gewalt usw.

Aber dieses Streben nach mehr, das Suchen und sich Weiterentwickeln hat im Kern auch positive Seiten. Und hier lässt sich sehr gut eine Brücke schlagen zu dem Künstler, der uns heute Abend nach Meiringen geführt hat.
Mumprecht hat in seinem langen Leben stetig und ohne sich um die aktuellen Strömungen der Kunst zu kümmern an seinem Werk gearbeitet – und tut es immer noch.

Seit den 1970er Jahren befasst sich Mumprecht vorwiegend mit dem sprachlichen Zeichen. Er lotet dabei die Möglichkeiten aus, die Welt der Sprache in die der bildenden Kunst mit einzubeziehen. So dient ihm die Sprache nicht mehr als Medium, um über Kunst zu sprechen – Sprache und Schrift werden in seinen Bildern selber zur Kunst. Es geht Mumprecht um die Malerei der Schrift, respektive um das Zeichnen der Schrift. Der französische Kunsthistoriker Maurice Besset (gest. 2008) bezeichnete Mumprechts Werke denn auch einmal sehr treffend als „peinture d’écriture“.
Genau genommen ist Mumprecht denn auch weniger ein Maler als – wie er selber sagt – ein Zeichner. Er versucht den Begriff „Zeichnen“ auf den Urbegriff des Zeichens zurückzuführen und ihn dadurch aufzuwerten.

Diese Lust am Zeichnen lässt sich auf vielen Bildern finden: die Form der Buchstaben und der Duktus der Schrift zeigen das Gespür für die Linie und veranschaulichen, wie wichtig ihm die Erscheinung dieser Zeichen ist.
Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, wollte man Mumprecht nur in dieser Hinsicht würdigen; sein Schaffen ist weit vielschichtiger.

So beschäftigt er sich immer wieder mit der Frage nach der Rolle des Individuums in der Welt. Heute besteht die grosse Gefahr, dass der Einzelne in der Masse untergeht oder untergehen kann und keine Verantwortung mehr zu übernehmen braucht. Mumprecht ist aber zutiefst davon überzeugt, dass heute das Individuum eine wichtige Rolle spielt, eben weil es nicht untergehen muss und so prägnante Akzente setzen kann. In dieser Funktion steht es aber vor der Schwierigkeit, tagtäglich – gewissermassen „jetzt“ (Bildtitel) – Entscheidungen treffen zu müssen. Es geht dabei immer um ein „Ja“ oder ein „Nein“ und dass diese Entscheidungen widersprüchlich sein können, liegt auf der Hand.

Andererseits empfinde ich Mumprechts Kunst häufig auch als sehr poetisch. Es gibt einzelne Worte oder ganze Wortfolgen, wo man dem Klang der Vokale nachlauschen kann – ähnlich wie man es beim Rezitieren von Gedichten erlebt. Oft macht er aber auch Aussagen, die zum Nachdenken anregen.
Und neben der Sprache findet eben auch die Musik Eingang in Mumprechts Schaffen: sei es durch musikalische Begriffe, sei es durch Motive, die an Noten oder Notenlinien erinnern und die den klanglichen Aspekt seiner Kunst meiner Meinung nach noch betonen.

„Augenblick verweile doch, du bist so schön...“ Mumprechts stetiges Arbeiten, sein Suchen nach einer passenden Ausdrucksform, hat natürlich nicht nur einen indirekten Zusammenhang mit dem Thema der Musikfestwoche, sondern ist auch in zahlreichen seiner Bilder zu finden: die Zeit und der Lauf der Zeit beschäftigen ihn immer wieder.

„naître être sourir mourir“ ist eines der Bilder, das den Lauf der Zeit in einfachster Weise zusammenfasst: vier Verben reichen aus, um die Lebenszeit eines Menschen zu beschreiben: geboren werden, sein, lächeln, sterben. Mumprecht hat auch andere Aussagen gefunden, die einen über das Vergehen der Zeit philosophieren lassen. Z.B. das Bild „Il tempo d’un raggio di sole“ (die Zeit eines Sonnenstrahls); oder „le temps entre le dernier tournesol et la première neige“ (die Zeit zwischen der letzten Sonnenblume und dem ersten Schnee).

Wenn wir beim Betrachten dieser Bilder über den Inhalt der Aussagen nachdenken, dann – und davon bin ich überzeugt – versuchen wir uns wohl alle vorzustellen, wie lange ein Sonnenstrahl scheint, d.h. wie lange seine Lebensdauer ist. Oder uns kommt in den Sinn, wie kurz die Zeitspanne zwischen der letzten Blüte einer Sonnenblume und dem ersten Schneefall sein kann – und was es für die Natur bedeutet, wenn die Erde unter einer Schneedecke liegt.
Dann scheint alles zu ruhen, die Zeit scheint stillzustehen – es entsteht eine Art Zeitlosigkeit. „dans le silence du temps“, in der Stille der Zeit, kann jedoch viel geschehen: wir werden ruhig, gehen in uns, warten schauend (um ein anderes Bild zu zitieren) und wer weiss: vielleicht entsteht aus diesem Moment heraus ein neues Kunstwerk – sei es nun in der Musik – wie Patrick Demenga dies im Text zum Programm der Musikfestwoche so schön formuliert hat –, sei in der Literatur oder eben in der Malerei.

Und in diesem Sinne hoffe ich, dass Mumprecht auch in Zukunft viele solche Augenblicke erleben wird, in denen er länger verweilen möchte. Augenblicke der Stille, die ihm Raum und Inspiration geben, neue Kunstwerke zu schaffen. Und die uns mit ihrem Sinn, ihrer Poesie und ihrem Klang berühren und uns zum Nachdenken und zum Handeln anregen.

Marianne Keller Tschirren, 1. Juli 2010